Tabak in der Südpfalz

Wo Tabakschuppen das Ortsbild prägen

200 Jahre lang zeigten die ländlichen Wolkenkratzer den Wohlstand der Bauern an.

Fachwerkidylle prägt die Hauptstraße des Straßendorfes Hayna, das heute ein Ortsteil von Herxheim bei Landau in der Pfalz ist. Doch was sind das für hohe hölzerne Gebäude, die hinter und zwischen den gepflegten Bauernhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert hervorragen? Es sind Tabaktrockenschuppen, eine echte regionale Besonderheit. 200 Jahre
lang zeigten die ländlichen Wolkenkratzer den Wohlstand der Bauern an. Denn in der sonnenverwöhnten Südpfalz sicherten sich viele Bauern eine kurze Generationenfolge lang mit
Tabakanbau ein auskömmliches Leben. Derzeit verfallen die steilen Kathedralen des Wohlstandes allerdings zusehends. Mit dem Wegfall von EU-Subventionen für Tabak im Jahre 2010 mussten neun von zehn Tabakbauern aufgeben. Der eigene Grund und Boden reichte nicht fürs Überleben, die meisten Bauern verdingten sich in Fabriken und betrieben  Nebenerwerbslandwirtschaft. Die hohen Schuppen wurden überflüssig. so änderte sich innerhalb weniger Jahre der Geruch eines ganzen Landstrichs.

Würziger Duft strömte durch die Ritzen

Die Geschichte der Herxheimer Tabakschuppen

Seit dem 18. Jahrhundert dufteten in der Südpfalz zwischen Sommer und Herbst gebündelte Tabakblätter würzig durch die Ritzen der Tabaktrockenschuppen. Heute werden in den hohen Holzgebäuden allenfalls Holz gelagert oder Wagen und Geräte untergestellt. und der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Jeder neue Sturm deckt die Dächer ein Stückchen mehr ab. Doch das Geld für Reparaturen oder originelle Neunutzungen fehlt. Zudem hat die Denkmalpflege ein Wörtchen mitzureden, was die Gestaltungsfreiheit einschränkt und die Projekte bekanntermaßen teuer macht.

Tabakschuppen

Der Historiker Florian Metz, der sich als Mitglied der Bürgerstiftung für den Erhalt der Tabakschuppen einsetzt, zählt in ganz Herxheim etwa 200 solcher ortsbildbestimmenden Schuppen. Sieben von ihnen bilden Wand an Wand am Friedhofsweg in Hayna die geschlossene Hofrückseite der schmucken Fachwerkhäuser an der Hauptstraße. „Sie gehören zu den 100 Tabaktrockenschuppen, die der Denkmalschutz als schützenswerte Einzelobjekte deklariert hat“, sagt Metz. „Die überbauten Wirtschaftsgebäude der anderen Kleinbauern, die hier noch zu sehen sind, fallen aus seinem Raster heraus.“

Bislang haben ausgesprochen wenige Eigentümer ihren Tabakschuppen mit dem Denkmalschutz neues Leben eingehaucht. Michael Daum gehört dazu. Oben, wo einst die Tabakblätter zu bandelieren geschnürt trockneten, hat er die kleinen Wellness- und Tagungsbereiche seines Hotels „Duwakschopp“ (pfälzisch für Tabakschuppen) eingebaut. Im Erdgeschoss grenzen nun sanitäre Anlagen ans Restaurant „Starker Tobak“ und den zum Biergarten umgestalteten Hinterhof.

Familie auf Fahrradtour

Radeln im Landschaftsidyll

Auf dem Radweg Tabaktour

Das Dreisternehotel liegt an der etwa 40 Kilometer langen Radroute Tabaktour, die sechs ehemalige Tabakdörfer bei Landau miteinander verbindet. Die Tour zeigt den Aufschwung der Region im internationalen boom der Tabakindustrie seit dem 19. Jahrhundert, als das Rauchen noch als weltläufig galt. in der Ferne begrenzen Pfälzerwald und Odenwald den Horizont, mit Glück sogar der Schwarzwald, während die Radler Fachwerkhäuser und Tabakscheunen, gepflegte Gärten und wogende Felder passieren.

Vereinzelt verströmen im Sommer noch ein paar Tabakfelder ihren leichten, süßwürzigen Duft. Wie bei Matthias Detzel in Herxheim. Er ist einer von 45 verbliebenen pfälzer Tabakbauern, die heute die als beimischung und für Wasserpfeifen gefragte sorte Virginia pflanzen, statt der Traditionssorten Geudertheimer und Burley. Denn die pfälzer Virginia wird mittlerweile weltweit wegen ihrer süße und ihres geringen nikotingehalts sowie ihres weitgehend chemiefreien Anbaus geschätzt. Zwei Monate braucht Detzel für das ziehen und setzen der pflanzen bis zur ernte, der Trocknung im Heißluftofen und dem Verkauf der Tabakblätter. So viel Zeit kostete früher allein das Trocknen in den Schuppen.

Es ist noch nicht lange her, da wurde in der Region der Tabak auch fermentiert. Der letzte deutsche Betrieb, der diese Kunst beherrschte, war die Firma Metz an der Hauptstraße in Hayna. Als der Betrieb schließen musste, sattelte kurt Metz auf Kräutertrocknung um. Den starkwürzigen Geruch des fermentierten Tabaks vermisst er aber heute noch. Die Kräutertrocknung sicherte ein auskommen bis zur Rente. Jetzt entstehen auf seinem Fabrikgelände Wohngebäude.

Museum im Tabakbauernhof

Eine Reise von der Jungsteinzeit bis in die Gegenwart

Im bauernkulturgeschichtlichen Museum in einem alten Tabakbauernhof in Herxheim erzählen einige Exponate von der Zeit, als der Tabakanbau, das Zigarrendrehen und das Rauchen den Alltag in der Südpfalz bestimmten. Die Museumsführerin Margareta Lederle erzählt von schönen Kindertagen. „Wir Mädchen saßen im Sommer nachmittags mit den Frauen auf Strohsäcken und fädelten die einzelnen Tabakblätter auf die bandeliere“, sagt sie. „Da wurde so manche interessante Geschichte aus dem Dorf erzählt, und mit dem verdienten Geld hab ich mir was Schönes gekauft.“

Museumshof Herxheim

Historiker Metz macht darauf aufmerksam, dass nicht allein süchtige Konsumenten und ihre mitbetroffene Umgebung die Kehrseite des Nikotinkonsums kannten. Der bescheidene Wohlstand der Tabakbauern war mit der harten Arbeit der ganzen Familie verbunden − auch mit Knochenbrüchen, Prellungen bis hin zum Unfalltod. Wer es sich leisten konnte, beförderte deshalb ab den 1960er-Jahren die bandelieren mit einer mechanischen Vorrichtung zum Trocknen in die Höhe. In den herkömmlichen schuppen musste immer noch jemand auf den Rundhölzern des Ständerbaues nach oben klettern. Nicht jeder überlebte den Sturz aus bis zu 14 Metern Höhe.

Empfindlichen Nasen war der konzentrierte Geruch aus den Fermentationsfabriken ohnehin zuwider. Und beim Ernten der Blätter klebte der Saft an Händen und Kleidung. „Das schlimmste für mich war aber das nach Pech stinkende Geizöl“, erinnert sich Metz an seine Kindheit. Das Öl diente der Pflanze als Wundabschluss nach dem Entfernen der kräfteraubenden Blüte.

Die blassrosa blühende Zierde

Unterwegs auf dem Tabakrundweg in Hatzenbühl

Heute ist die bis zu 1,30 Meter hohe Pflanze auf vielen Höfen wieder das, was sie 1573 bei ihrer Einführung in Deutschland war: eine blassrosa blühende Zierde. Und der liebevoll gepflegte Tabakrundweg in Hatzenbühl − eine weitere wichtige Station der Tabaktour − zeigt die Verankerung des Tabaks in der Tradition. Er beginnt und endet am Ort des ersten nachgewiesenen Tabakanbaus in Deutschland, dem Pfarrgarten der Ortskirche. Die Informationstafeln an den Gärten, Feldern und Schuppen sind zwar selbsterklärend, aber interessanter ist die Führung durch eines der 16 Mitglieder der Interessengemeinschaft Tabakweg um den Rentner ernst Wünstel. In einem der Tabakschuppen auf dem zwei Kilometer langen Fuß und Radweg demonstrieren die Führer nicht nur die verschiedenen Verarbeitungsstufen der braunen Blätter, während die Sonne die Szenerie durch die Ritzen beleuchtet.

Sie erklären auch, wie die Samen gezogen werden, in Frühbeeten reifen und auf den Feldern innerhalb von neun Wochen zu stattlichen Pflanzen werden. Und sie er zählen, wie bescheiden die Hanf- und Flachsbauern vor dem Tabakboom lebten. „Wir führen auf Anfrage auch kleine Gruppen kostenlos“, wirbt Wünstel für die informative Extratour des Radweges. am Ende der Tour verabschiedet e r sich mit dem „Hatzenbühler Tabakgruß“, einem Kärtchen mit samen der traditionellen zigarrentabaksorte Geudertheimer. Mit Hintersinn: so wird der alte Pfälzer Duft in seiner angenehmen Variante weitergetragen.

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Text: Karin Willen