Rund um den Wein

Eine Boden-Probe gefällig? - Kredenzt von Karlheinz Wehrheim

Es gibt Winzer, die bleiben nicht an der Oberfläche, die gehen der Sache buchstäblich auf den Grund. Karlheinz Wehrheimvom renommierten Weingut Dr. Wehrheim in Birkweiler ist so einer. Es genügt ihm nicht, dass seine Weine die Experten begeistern und seiner großen Fangemeinde schmecken. Er will wissen, warum. Und zwar möglichst genau.

Für Winzer Wehrheim steht fest: die Mutter des Weines ist der Boden, in dem er wurzelt. Draußen auf dem Felde also, tief unter der Oberfläche werden die Mineralien und Spurenelemente aufgesammelt, die sich in den Beeren des Rebstocks und am Ende im Glase wiederfinden. Boden ist, so sein Credo, die entscheidende Grundlage von Geschmack und Charakter. Wer’s nicht glaubt, wird überzeugt.

Die Versuchsanordnung ist einfach: 2 Gläser mit 2 verschiedenen Riesling Spätlesen kommen auf den Tisch. Beide sind auf dem gleichen Hang, nur wenige Meter entfernt, aufgewachsen. Beide sind zur gleichen Zeit geerntet und hatten die gleiche Reife. Beide sind fast gleich in Säure und Alkohol. Und doch wittert schon die Nase zwei gänzlich verschiedene Weintypen, was von Zunge und Gaumen nachdrücklich bestätigt wird. Wir ahnen und können es nachschmecken: es ist die Mineralik, die scheinbar Gleiches so verschieden macht. Und in der Tat, die beiden Nachbarwingerte, aus denen die Probanden stammen, unterscheiden sich grundlegend: „Rotliegendes“ liegt neben „Buntsandstein“. Offenkundig hat ein jeder der Böden seinen Weinen einen ganz eigenständigen Charakter mitgegeben. Der Beweis ist schlagend, man
nimmt von diesem Tisch eine fundamentale Erkenntnis mit nach Hause, ist boden-sensibilisiert für alle Zeiten.

Für Karlheinz Wehrheim ist die Bodenbeschaffenheit die verlässlichste Koordinate zur Typisierung eines Weines, verlässlicher noch als die Einzellagen, die zwar manches, aber oft nicht das Wichtigste aussagen. Konsequenterweise tragen die Wehrheim-Weine auf dem Etikett das, was sie prägt: „Rotliegendes, Buntsandstein, Muschelkalk...“ Eine Kennzeichnung, die er gegen Widerstände ausgefochten hat.

Die Winzer an der Südlichen Weinstrasse können Bodenerfahrungen jederzeit und überall machen, denn nirgendwo sonst ist die Geologie auf kleinstem Raum so unterschieden und abwechslungsreich wie hier. Dicht an dicht treten an der Bruchkante des Rheingrabens eine Vielzahl verschiedener Böden zutage. Damit haben die Winzer unbegrenzte Gestaltungsmöglichkeiten. Erstens finden sie für die verschiedenen Rebsorten das jeweils passende Erdreich. Und zweitens können sie innerhalb einer Sorte, ganz nach Standort, grundverschienene Geschmacksbilder erzeugen. Wie unsere Bodenprobe schlüssig nachwies.

Boden gibt Substanz, für die Varianz und die ganz individuelle Ausprägung der Weinpersönlichkeiten sind die anderen Einflüsse des Terroir verantwortlich. Zunächst das Klima allgemein und das Kleinklima im Besonderen, im Verein mit den speziellen Witterungsbedingungen des Weinjahres. Ja und dann der Erziehungsberechtigte, der Winzer selbst, seine Haltung zur Natur und seine persönliche Weinphilosophie. Entsprechend verantwortungsvoll wird er seine Böden versorgen und kultivieren. Entsprechend feinfühlig wird er seine Pflanzen schützen und pflegen. Entsprechend streng wird er die Rebstöcke von zu großer Ertragslast befreien. Entsprechend sorgfältig wird er bei der Lese das Beste vom Mäßigen trennen.

Das Ergebnis all dieser Mühen, das durchs Hoftor eingefahrene Erntegut, entscheidet über Qualität und Individualität. Wer die fortentwickeln und auf die Spitze treiben will, meint Herr Wehrheim, muss Natur begreifen und von den natürlichen Prozessen lernen. Und sehr viel Arbeit investieren, um seine Schutzbefohlenen auf ihrem Weg zu begleiten. In seinem Gut wird deshalb die Idee der ökologischen und biodynamischen Bewirtschaftung mit großem Interesse verfolgt. Und weitergegeben. Denn hier bleiben keine Erkenntnisse verschlossen, sie pflanzen sich fort in den Köpfen vieler junger Winzerinnen und Winzer, die während ihrer Ausbildung hier Station machen.

Wir werden sicher schon bald von ihnen hören – und ihre Weine trinken können.

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